Hans Schohl
Kinetik Installation Objekte Holzschnitt
1952 geboren in Landstuhl/Pfalz
Studium der Erziehungswissenschaften, Germanistik,
Politik, Kunst in Marburg und Kassel
Arbeitet als Künstler, Ausstellungsmacher, Kunsterzieher
Zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen
Mitglied der Gruppe „Werkstatt Radenhausen“
Lebt in Anzefahr bei Marburg/Lahn
Hans Schohl ist Bildhauer und Maschinenbauer. Seit 1985 konstruiert er kinetische Objekte, zunächst Apparate aus Schrott, Weggeworfenem, Zerbrochenem. Aus Holzteilen, Metall, Plastikmaterial entstanden von Motoren angetriebene abenteuerliche, lärmende Maschinerien.

In den letzten Jahren wurden die Objekte kleiner, filigraner, die Bewegungen leichter, flüchtiger, zuweilen beiläufig. Zunehmend stehen die kinetischen Objekte nicht mehr für sich alleine, sondern werden eingebunden in raumgreifende Installationen.

Thematische Schwerpunkte sind dabei der Bereich des Fliegens und das Nachdenken über den Schatten. Dabei rücken die an die Wände projizierten Schatten der Maschinen ins Zentrum der Aufmerksamkeit. „Du aber, mein Freund, willst Du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld“ (Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte).

Nennt man den Künstler Hans Schohl im Hinblick auf seine Arbeiten einen „Geschichtenerzähler“, so akzeptiert er diese Bezeichnung, ist doch das Erzählerische Kennzeichen vieler seiner Arbeiten.

(Katrin Magens)

Blick in die Austellung SCHATTEN, Kunsthalle Marburg, 2002, Photo: R. Müller-Matthesius
Schatten

Die Schatten, diese flüchtigen, tanzenden, dunklen Schemen der Dingwelt, die im Kopfe des Betrachters Erschrecken oder Faszination auslösen können, sind im Laufe unserer Kulturgeschichte immer wieder zum Gegenstand des Nachdenkens über den Schein der Dinge und ihre Wirklichkeit geworden: Platons Höhlengleichnis, Plinius` Ursprungsmythos der Malerei oder Adelbert von Chamissos wundersame Geschichte des Peter Schlemihl.

„Die Wirklichkeit ist in den Schatten aufgehoben“ behauptet Hans Schohl und fesselt unseren Blick mit seinen Bildern und Maschinenschatten, die zitterig, flüchtig, leicht und das andere Mal bedrohlich, schwer, langsam über die Wände gleiten, um den Geschichten von Menschen und Dingen nachzuspüren. Es geht bei den Schatten eben um das Bewahren und um das Verschwinden der Wirklichkeit.

(Katrin Magens)

Die Modelle des Daidalos, 1995
Photo: R. Müller-Matthesius
Aus der Sammlung des Grauberockten, Holzschnitte,
Photo: R. Müller-Matthesius
Fliegen

Der Mensch hat im 19. und 20. Jahrhundert eine Vielzahl von Flugmaschinen erfunden, tauglich, große Entfernungen in rasender Geschwindigkeit zu überwinden. Aber Fliegen meint immer auch ganz allgemein das Überschreiten von Erfahrungen, das Überflügeln des Faktischen. Fliegen ist immer auch ein geistiges Erlebnis – der freie Flug der Gedanken.

Heute sind Tempo und Geschwindigkeit die zentralen Begriffe, die Götzen der Zeit. Fliegender Teppich, Flügelross, fliegender Koffer und Luftschiffe, die sehnsüchtig mit der Himmelsbläue verschmelzen, scheinen vergessen. Die Rationalität, das Denken in Zwecken hat den Mythos verdrängt.

Alleine für das künstlerische Schaffen bleibt das ursprüngliche Bild des Fliegens eine zentrale Metapher, bleibt der Mythos von Daedalus und Ikarus. In der Figur des Ikarus findet er sich wieder, der Künstler, der sich partiell der Norm verweigert, sich nicht einfindet in das allgemein Geforderte, während Daedalus das korrespondierende Prinzip des Neuschaffens, des Welterfindens verkörpert.

Der Mythos des Fliegens birgt also nicht weniger als die Utopie der individuellen und kollektiven Freiheit und zugleich die Sehnsucht nach Erkenntnis über die Welt.

Ein Lebensweg (z.B. Olga), 2001
Pfau, 2003
Drei Flieger sind für mich Vorbild und Anregung; es sind jedoch nicht die großen Namen aus der Geschichte der Luftfahrt, nicht Lilienthal oder Zeppelin, sondern es sind Außenseiter der Lüfte, drei „Flugträumer“.

Zunächst Isabel Allendes Romanfigur Onkel Marcos. Er wird vorgestellt als ein eigenwilliger, skurril-kautziger Mensch, Lebenskünstler und Abenteurer. Eines Tages kehrt er von einer seiner Reisen mit einer Fracht riesiger Holzkisten zurück. Inhalt der Kisten sind die unzähligen Einzelteile eines seltsamen Flugapparates in Form eines Vogels mit beweglichen Flügeln und Propellern auf dem Rücken. Und wider aller Logik gelingen Zusammenbau und Start; ächzend aber nicht ohne Eleganz verschwindet der Vogel und mit ihm Onkel Marcos. Vermutungen werden geäußert, er habe sich im Sternenraum verirrt – was bei dieser Auffassung der Fliegerei auch leicht passieren kann.

Über das Scheitern der Luftschifffahrt des Aeronauten und Wachstuchfabrikanten C.F.Claudius berichteten die Berliner Abendblätter am 15.Oktober 1810. Der Versuch, zur Feier des Geburtstags seiner Königlichen Hoheit, des Kronprinzen, mit einem Ballon aufzusteigen, der – und das ist das sensationelle -„vermittels einer Maschine, unabhängig vom Wind, nach einer bestimmten Richtung lenkbar“ sei, endete kläglich „in den Bäumen des zunächst liegenden Gartens“.

Gustav Mesmer (1903-1994) lebte seit seinem 29. Lebensjahr in einer psychiatrischen Klinik, und erst mit 64 Jahren wurde er entlassen. Seinen Lebensabend verbrachte er mit der Konstruktion und dem Bau von muskelbetriebenen Flurapparaten, vor allem Flugfahrrädern. Unvergesslich sind mir die Videoaufnahmen des 90jährigen “Ikarus vom Lautertal“, der auf einer seiner wunderlichen Flugskulpturen, einem mit Bohnenstangen, Plastikplanen und Pappen versehenen alten Herrenrad, tollkühn einen steilen Feldweg hinunterrast. Abgehoben hat er nie. Seine unendliche Phantasie und sein Gestaltungswille beeindrucken und sein Traum vom Fliegen, der Traum eines Künstlers vom Fliegen.

Editionsschachtel zu dem Luftfahrtpionier C.F. Claudius (50 x 17 cm).

Sie enthält eine aufgefundene Luftklappe des Herrn Claudius (von Hans Schohl), sowie zwei leinengebundene Bücher: einen Reprint der „Ausführlichen Nachricht“ seiner ersten erfolgreichen Luftfahrt 1811 von ihm selbst mitgeteilt; im zweiten Buch die Ergebnisse der Nachforschungen über Herrn Claudius, aufgezeichnet von Museumsdirektor Roland Albrecht (Berlin).

Die Modelle des Wachstuchfabrikanten C.F. Claudius, 2001
Aus den Kisten des Onkel Marcos, 2002
Kinderbilder

Seit etwa zwei Jahren entstehen Arbeiten, die ich Kinderbilder nenne. Neben einigen Metallarbeiten, z.B. Windfahnen, sind es vor allem Holzschnitte. Es ist der Versuch, der Bildersprache und Darstellungsweise von Kindern nachzuspüren. Dass es zwischen zeitgenössischer Kunst und der „Kunst“ von Kindern einen Zusammenhang gibt, scheint mir offensichtlich.

Kandinsky spricht vom „inneren Klang“ und der „Wahrheit“ von Kinderbildern und er formuliert eine Kritik, die auch heute noch über weite Strecken zutrifft:

„Die Erwachsenen, besonders die Lehrer, bemühen sich, dem Kind das Praktisch-Zweckmäßige aufzudrängen und kritisieren dem Kind seine Zeichnung gerade von diesem flachen Standpunkte aus: dein Mensch kann nicht gehen, weil er nur ein Bein hat... Das Kind lacht sich selbst aus. Es sollte aber weinen.“ (W. Kandinsky, Der Blaue Reiter, Über die Formfrage).

Löwe, 2003 (70 x 50)
Haus, 2003 (20 x 30)
Krankenflieger, 2002 (40 x 29)
Wetterfahnen,
Nachrichten vom Tier. 2001
Einzel- und Gruppenausstellungen (Auswahl)

1991
Kunst im Zug
mit Stationen in Marburg, Stadtallendorf, Frankenberg, Biedenkopf, Gladenbach, Wetzlar,
Giessen, Frankfurt
1992
Kunst im Bahnhof, Rahmenprogramm Dokumenta 9, Kassel, Bahnhof Wilhelmshöhe
Maschinen und Rost, Galerie C-Keller, Weimar (E)
1996
Begleitperson Engel, Außeninstallation und Ausstellung, Marburg (E)
1997
Begleitperson Engel, Außeninstallation und Ausstellung, Dannenberg/Elbe (E)
1998
Kunst begreifen, (Kurator) Universitätsmuseum Marburg, Kunsthaus Nürnberg,
E-Werk Freiburg, St. Johannis-Kirche Dannenberg
2000
2000 nach Christus, E-Werk, Hallen für Kunst, Freiburg
Im Wind, Ahrenshoop
2001
Skulpturenprojekt „ausufern“, Marburg
Der eigene Blick, Ahrensburg
Zwischenspiel, Museum Korbach
2002
Schatten, Kunsthalle, Kunstverein Marburg (E)
Standbein/Spielbein, Kröte
C.F.Claudius, ein Luftfahrtpionier, Museum der unerhörten Dinge, Berlin (E)
2003
Über das Fliegen, von Schatten und vom Hörensagen, Torhaus Wellingsbüttel
hinauf, hinab dasselbe, kunstprojekte, treppen in marburg, Marburg

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